Zitate von Christian Morgenstern

…je mehr Du für das Allgemeine getan haben wirst, desto mehr hast Du für Dich selbst getan.
›Geist‹ ist heute Marktware, wer redet noch davon? Ein wirklich eigener Gedanke aber ist immer noch so selten wie ein Goldstück im Rinnstein.
›Hat die Religion eine Zukunft?‹ So gut, wie derjenige, der so fragt, eine Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen entwachsen sein wird.
›Liebt das Böse – gut!‹ lehren tiefe Seelen. Lernt am Hasse stählen – Liebesmut!
›Trostlos?‹ Das Wort ist mir entschwunden, seitdem ich Mich in mir gefunden.
»Die Welt!« Was soll das Angstgestöhn! Wollt sie schön, so ist sie schön!
Aber es ist auch dies ein Zeichen unserer krankhaft-überreizten Zeit, daß sie die Fähigkeit eigenen Denkens immer mehr aufgibt.
Abstrakte Gedanken sind zuletzt auch nichts als – konkrete Wesenheiten; es ist ganz umsonst, das Leben aus dem Leben heraustreiben zu wollen.
Alle wahrhaft großen Dichtungen sind Variationen zum Schicksalsliede, seien es Maestosi, Allegri oder Scherzi.
Alle Weisheit ist langsam, alles Schaffen ist umständlich.
Alles Denken ist wesentlich optimistisch. Der vollendete Pessimist würde verstummen und – sterben.
Alles Denken ist Zurechtmachen.
Alles Festlegen verarmt.
Alles heilt der Entschluss.
Alles ist richtig, was wir von jetzt ab tun, sofern wir nur vertrauen.
Alles Leben steht auf Messers Schneide. Gleite aus und du ertrinkst in Leide.
Alles muß allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit.
Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.
Alles Schöne macht Durst nach noch vollkommenerer Schönheit und Vollkommenheit.
Alles Vorwärts der Menschheit geht auf Kosten ihres Einwärts.
Alles würde leichter und besser werden, wenn wir uns den Menschen nicht so fortwährend und hartnäckig verdeckten.
Alles, im Kleinen und Großen, beruht auf Weitersagen.
Als ein wesentliches Merkmal der Menschen möchte ich ihre ethische und ästhetische Anspruchslosigkeit bezeichnen.
Als ob Kunst nicht auch Natur wäre und Natur Kunst!
Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du’s nicht gelten lassen.
An jeden guten Gedanken, jede gute Empfindung einen Stein hängen, sie verankern. Damit zusammenhängend: Seßhaft werden, Tempobändigung, Tempobeherrschung.
Auch der Baum, auch die Blume warten nicht bloß auf unsere Erkenntnis. Sie werben mit ihrer Schönheit und Weisheit aller Enden um unser Verständnis.
Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.
Beim Menschen ist kein Ding unmöglich im Schlimmen wie im Guten.
Beim Vorlesen einiger Nietzschescher Aphorismen: – Geistige Austern.
Besuche machen immer Freude – wenn nicht beim Kommen, so doch beim Gehen.
Bewußtsein: wir stehen an einem Ende, wir sind ein Anfang.
Blickt der Mensch in der Zeit zurück, so merkt er, sein Unglück war sein Glück!
Briefe sind Stimmungskinder.
Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden leisten müssen.
Dankbarkeit und Liebe sind Geschwister.
Darum können Zeitungen so sehr schaden, weil sie den Geist so unsäglich dezentrieren, recht eigentlich zer–streuen.
Das Ich ist die Spitze eines Kegels, dessen Boden das All ist.
Das ist meine allerschlimmste Erfahrung: Der Schmerz macht die meisten Menschen nicht groß, sondern klein.
Das Kleine in der Natur ist gewöhnlich größer als ›das Große‹. Denn das Kleine ist nur zu oft Gottesarbeit, wo das Große nur Götterwerk.
Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das sind die schöpferischen Geister und Bienen, die andern, die daraus Honig sammeln.
Das Leben zeugt Blumen und Bienen. Blumen, das sind die schöpferischen Geister, und Bienen die anderen, die daraus Honig sammeln.
Das Letzte, was wir aneinander erleben, ist schließlich doch das Schmerzlichste.
Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens Größe.
Das tränensäcksische A.
Das von selbst Verständliche wird gemeinhin am gründlichsten vergessen und am seltensten getan.
Das Weib mischt uns ins Leben hinein.
Daß der moderne Mensch nicht schreien soll, ist eine seiner qualvollsten und verderblichsten Forderungen an sich selbst.
Daß Güte (z.B.) nicht Schwäche sein könne, behauptet niemand, daß sie es sei, nur ein Tor.
Daß ich nie in meinem Leben eine Schwester gehabt habe! Kein fremdes Weib kann dem Bruder ein solches Verhältnis ersetzen.
Dem Steigenden werden Gärten der Schönheit Wüsten der Unbedeutendheit.
Den Ästhetikern: Zeigt Wege der Zukunft, aber beschwört nicht ewig die Toten gegen uns.
Den Charakter eines Menschen erkennt man an den Scherzen, die er übelnimmt.
Den Puls des eigenen Herzens fühlen. Ruhe im Innern, Ruhe im Äußern. Wieder Atem holen lernen, das ist es.
Den seelischen Wert einer Frau erkennst du daran, wie sie zu altern versteht und wie sie sich im Alter darstellt.
Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs die Geschichte des Menschen.
Der bedeutende Mensch ist ein Mensch, an dem viele andre sich klar werden. Er greift in ihr Unbewußtes und Unterbewußtes und stärkt dort das ihm Verwandte.
Der beste Beweis für die Gotteskindschaft Christi ist der, daß es Zeiten gab, wo jeder Teufel vor einem Kreuz die Flucht ergriff.
Der Duft der Dinge ist die Sehnsucht, die sie uns nach sich erwecken.
Der eine lebt, der andere schreibt sich aus. Das erste Dokument der Kultur war – ein Tagebuch.
Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel fahren.
Der Gelehrte und Goethe – Ich weiß, was er zu jeder Zeit gesagt, doch mein Gewissen hat er nie geplagt.
Der Ironiker ist meist nur ein beleidigter Pathetiker.
Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.
Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.
Der Mann mit Luftballons: Ideale! Kauft Ideale!
Der Mensch hat die Liebe als Lösung der Menschheitsfrage einstweilen zurückgestellt und versucht es augenblicklich zunächst mit der Sachlichkeit.
Der Mensch ist ein in einem Spiegelkerker Gefangener.
Der Mensch ist mein Fach und hier will ich bis zum Äußersten gehen.
Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer und unveräußerlich die göttliche Würde.
Der Mensch rennt an die Mauer an, aber der Geist geht durch die Mauer hindurch.
Der Mensch, das Individuum ist Gottes Einfalt, ist einfältig gewordene Gottheit.
Der Mensch, ein Taster Gottes nach Sich selbst.
Der moderne Mensch ›läuft‹ zu leicht ›heiß‹. Ihm fehlt zu sehr das Öl der Liebe.
Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird, ist Egoismus, noch nicht – Liebe.
Der Pilz ist der Parvenu der Pflanzen.
Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche mehr die zum Leben, wie es sein sollte, könnte, müßte.
Der Steig war steil, doch wagten wir’s gemeinsam… Und heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.
Der Tag ist abgegriffen, laßt uns in den Morgen zurücksteigen.
Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend verzichten läßt; denn er weiß, daß jedes Ding eine Wolke von Unfrieden um sich hat.
Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen, Spähen umsonst.
Des Krieges Eltern heißen Schwachsinn und Trägheit.
Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die Erinnerung aber ist selbst etwas Dichtendes, künstlerisch Zusammenfassendes und Auswählendes.
Die „Weltgeschichte“ tritt voll Pein von einem Bein aufs andre Bein.
Die ›bessere‹ Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne unwissende und ungebildete.
Die Ästhetischen – Ihr preist die Kraft und schmäht doch jede Tat, ihr weder Fisch noch Fleisch, ihr – Kopf-Salat!
Die beste Erziehungsmethode für ein Kind ist, ihm eine gute Mutter zu verschaffen.
Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.
Die große Ruhe und der tiefe Friede sind nur bei euch, ihr lieben fernen Berge.
Die größte Sinnlichkeit ist die Phantasie…
Die Hälfte allen Unglücks – vom gröbsten bis zum feinsten – geht auf Unwissenheit oder Denkfehler zurück, gewollte und ungewollte Ungeistigkeit.
Die hohen Tannen sprechen: Wir sind nicht traurig und nicht fröhlich, wir sind fest.
Die meisten Ehen werden geschlossen, wie nur Liebschaften angeknüpft werden dürften.
Die meisten Menschen verdunsten einem, wie ein Wassertropfen in der flachen Hand.
Die meisten wissen gar nicht, was sie für ein Tempo haben könnten, Es gibt keinen strengeren Erzieher als den Ehrgeiz. Wobei freilich außer Betracht bleibt: wozu?wenn sie sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben.
Die Menschen haben sich daran gewöhnt, von hinten nach vorn, statt von vorn nach hinten zu denken.
Die Menschenverachtung ist für den nachdenkenden Geist nur die erste Stufe zur Menschenliebe.
Die Mission der Wahrheit ist, den Menschen in Geist aufzulösen, wie, materialistisch gesprochen, die Mission der Zeit, den Erdball in Luft.
Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.
Die Psychologie befaßt sich mit den einzelnen Wellen des Baches. Aber hat ein Bach je aus – Wellen bestanden?
Die Ruhe ist Dein Feind, sie ist mein Feind, ist der Feind aller Menschen – ich meine die Ruhe der untätigen Behaglichkeit.
Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, daß nun auch die Worte alle ›gleich‹ gewertet werden.
Die Selbstachtung einer Katze ist außerordentlich.
Die Sonne grübelt nicht, warum sie scheine. Sie scheint. Ihr Leben, Künstler, sei das Deine.
Die sozialistische Lehre – das Brot der Armen.
Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
Die Welt ist nur eine Form des Menschen.
Die Weltanschauungen mancher Menschen gleichen lächelnden Festungen.
Die Wissenschaft ist nur eine Episode der Religion. Und nicht einmal eine wesentliche.
Die zur Wahrheit wandern, wandern allein, keiner kann dem andern Wegbruder sein.
Doch die Wissenschaft, man weiß es, achtet nicht des Laienfleißes.
Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!
Du kannst keinen Großen mehr ruhig verehren, mußt dich zugleich seiner Narren erwehren.
Ein berühmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er weiß nie, wie weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt.
Ein Dichter muß 77mal als Mensch gestorben sein, ehe er als Dichter etwas wert ist.
Ein Diletalent.
Ein Hauptzug aller Pädagogik: unbemerkt führen.
Ein jeder soll den Weg des andern achten,^ wo zwei sich redlich zu vollenden trachten.
Ein Kunstwerk schön finden, heißt, den Menschen lieben, der es hervorbrachte.
Ein Verallgemeinern ist oft ein Verkleinern.
Einander kennen lernen, heißt lernen, wie fremd man einander ist.
Eine Hauptsache bei vielem ist, daß stets der Anschein äußerster Wichtigkeit erweckt wird.
Eine Karikatur ist bloß immer einen Augenblick wahr.
Eine schwache Persönlichkeit wird manchmal eine stärkere Persönlichkeit werden können als eine starke Persönlichkeit.
Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist. Nicht an der Wahrheit liegt es daher, wenn die Menschen noch so voller Unweisheit sind.
Einem Menschen wie mir genügt es nicht, Ein Mal das Richtige zu erkennen.
Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen Knoten zerhauen, statt ihn auflösen.
Einen Menschen kennenlernen ist nicht immer ein Glück.
Einer der seltsamsten Zustände ist das dunkle und unvollkommene Bewußtsein, das wir von der Form und dem Ausdruck unsres eigenen Gesichtes haben.
Eines bleibt keinem Philosophen erspart: Das Offene-Türen-Einrennen. Dreiviertel seiner Kraft geht darauf flöten.
Entgöttlichung heißt Entpersönlichung, also Weltvergewöhnlichung.
Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.
Entweder man ist Künstler oder Philosoph. Der Philosoph achtet die Kunst, ja liebt sie, – aber er komplimentiert sie hinaus, wenn er mit seinem Ernst allein sein will.
Erst das Auge schafft die Welt.
Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache ist in unsere termini zerklüftete Wirklichkeit.
Es gibt einen Gedanken, der unsere ganze Lebensführung und Betrachtung verändern würde: die Gewißheit unserer Unzerstörbarkeit durch den Tod.
Es gibt fertigere Menschen denn mich, sicherlich ungezählte. Aber keiner ist fertig, soll je fertig sein.
Es gibt für Unzählige nur Ein Heilmittel – die Katastrophe.
Es gibt in Wahrheit kein letztes Verständnis ohne Liebe.
Es gibt kaum eine größere Enttäuschung, als wenn du mit einer recht großen Freude im Herzen zu gleichgültigen Menschen kommst.
Es gibt kaum eine größere Gefahr für einen Menschen wie mich, als Nietzsche zu lesen. Es ist wie ein Wühlen im Schmerz meines eigenen Unwerts.
Es gibt keine Grenzen der Dinge.
Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer hätte, in dem zu Zeiten der Ebbe jedermann spazierengehen kann.
Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der größten Materialismen der Epoche.
Es gibt Menschen, deren einmalige Berührung mit uns für immer den Stachel in uns zurückläßt, ihrer Achtung und Freundschaft wert zu bleiben.
Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen wähnen, wenn jemand eine Meinung ausspricht.
Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen schlagen, und Menschen, welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen.
Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten.
Es gibt nichts Schwereres, als einen Menschen, den man liebt, einen Weg gehen lassen zu müssen, der zur nächsten Stadt führt, statt auf den nächsten Gipfel.
Es gibt nichts Sinnverwirrenderes, als eines Tages zu entdecken, daß man als der und der lebt.
Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben könnte, und nichts, das ich nicht überwinden möchte.
Es gibt nur ein Neues: Die Nüance.
Es gibt nur einen Fortschritt, nämlich den in der Liebe; aber er führt in die Seligkeit Gottes selber hinein.
Es ist bitter, sich sagen zu müssen, daß man zwischen 35 und 45 zu erledigen hat, was man zwischen 45 und 60 hätte sollen erledigen können.
Es ist das Interessante an Büchern, über denen man eigentlich den Verstand verlieren müßte, daß man durch sie vielmehr an Verstand gewinnt.
Es ist das Vorrecht junger Mädchen, von Zeit zu Zeit aufzuschreien.
Es ist der Schritt, der erobert. ›En marche‹ – ist eines der schönsten Worte der Welt.
Es ist eigentlich eine Ungerechtigkeit, daß der Dichter nicht – gleich dem Musiker – den Teilen seiner Werke hinzufügen darf, in welchem Tempo er sie genommen wissen will.
Es ist ein seltsames Gefühl, senkrecht in die Erde zu unseren Füßen hineinzudenken. Man kommt nicht weit, die Phantasie erstickt buchstäblich.
Es ist eines der merkwürdigsten Dinge der Welt, daß man eine Seite und mehr lesen kann und dabei an ganz etwas anderes denken.
Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Gott ist die Möglichkeit aller Möglichkeiten.
Es ist etwas Fürchterliches um einen Menschen, der leidet, ohne Tragik empfinden zu lassen.
Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte.
Es ist etwas Jämmerliches um einen Lyriker ohne Liebe. Was helfen da Mai und Nachtigallen und Mondscheinnächte. Trauriger Zustand.
Es ist merkwürdig, daß ein mittelmäßiger Mensch oft vollkommen recht haben kann, – und doch nichts damit durchsetzt.
Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie wohl, aber hört sie fast gar nicht. Des Nachts aber hört man sie gehen wie ein großes Herz.
Es ist schmerzlich, einem Menschen seine Grenze anzusehen.
Es ist schön, zu denken, daß so viele Menschen heilig sind in den Augen derer, die sie lieben.
Es ist unbeschreiblich, auf was alles die Menschen nicht kommen.
Es liegt wohl im Wesen des Religiösen, daß es, wenn es sich einmal auf den Weg gemacht hat, nicht mehr Halt machen kann.
Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegführen, Ihr Menschen, ist nicht mehr und nicht weniger als – Selbstmord.
Faß das Leben immer als Kunstwerk.
Frage dich nur bei allem: ›Hätte Christus das getan?‹ Das ist genug.
Für jeden Menschen, sagt Goethe, kommt der Zeitpunkt, von dem an er wieder ›ruiniert‹ werden muß. So auch: für jede Kulturperiode.
Für mich gibt es nur ein Mittel, um die Achtung vor mir selbst nicht einzubüßen: Fortwährende Kritik.
Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.
Geben und Nehmen, ein Gesetz aller Entwickelung.
Gedanken wollen oft wie Kinder und Hunde, daß man mit ihnen im Freien spazierengeht.
Gelehrtenart – Diese Gelehrten! Sie fingern kalt am Unerhörten.
Genuß kann unmöglich das Ziel des Lebens sein. Genuß ohne etwas darüber ist etwas Gemeines.
Gestorbenes Wort: Zufall.
Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe.
Gladstone – Er konnt nie über etwas lachen. Wie kann ein Mensch so tief verflachen!
Glaube mir, daß eine Stunde der Begeisterung mehr gilt als ein Jahr gleichmäßig und einförmig dahinziehenden Lebens.
Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als ein Weltmann?
Glück? Sollst du Glück haben? Wünsche ich dir auch nur eine Spur von Glück – wenn sie nicht deinen Wert erhöhte? Wert wünsche ich dir.
Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen Begriffsvermögens vor der Welt.
Gott ist nur ein Wort für ›sich‹. Das Tier hat keines dieser beiden Worte. Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich und Gott.
Gott schauen ist Tod, das wußten alle Völker. Gott erraten ist Leben.
Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen könnte.
Groß betrachtet ist alles Gespräch nur – Selbstgespräch.
Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.
Größer noch als die »Sinnlosigkeit« des Schicksals ist seine Gerechtigkeit.
Gute Erziehung – ein zweischneidig Schwert. Mancher wird nie ein wirklicher Mensch, ein Mensch von Umfang, infolge seiner guten Erziehung.
Habe die Gabe der Unbestechlichkeit. So sehr auch Liebe für dich Partei ergreifen mag: dein Sein gilt, nicht dein Schein.
Habt das Leben bis in seine unscheinbarsten Äußerungen hinab lieb und ihr werdet bis in eure unscheinbarsten Bewegungen hinab unbewußt von ihm zeugen.
Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber noch nicht den RAUM.
Hinter die Oberfläche der Menschen sehen, hinter das ›Persönliche‹, das Leben selbst in ihnen lieben.
Hoffnung? Warum hoffen. Steht die Bahn nicht offen zu weit mehr?
Höher als alles Vielwissen stelle ich die stete Selbstkontrolle, die absolute Skepsis gegen sich selbst.
Ich betrachte als eine Aufgabe kommender Dichtergeschlechter, neue Mythen zu schaffen, und wir wollen ihnen schon vorarbeiten.
Ich bin der leichterregbarste und unbeeinflußbarste Mensch, den ich kenne.
Ich bin ein Studienkopf, den der Schöpfer einst flüchtig skizzierte, als ihm ein Künstlerporträt im Sinne lag.
Ich definiere den Humor als die Betrachtungsweise des Endlichen vom Standpunkte des Unendlichen aus.
Ich habe den verwandelnden Blick.
Ich habe heute ein paar Blumen für dich nicht gepflückt, um dir ihr – Leben mitzubringen.
Ich habe nie einsehen mögen, warum mittelmäßige Menschen deshalb aufhören sollten, mittelmäßig zu sein, weil sie schreiben können.
Ich habe noch nie eine Phantasie gehabt, die nicht eine – wenn auch noch so verborgene – Nabelschnur zur Wirklichkeit gehabt hätte.
Ich habe nur Einen wahren und wirklichen Feind auf Erden und das bin ich selbst.
Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die Sprache für die Wirklichkeit untüchtig machen.
Ich höre einen Vogel fortwährend ›Chi–rur–gie‹ flöten.
Ich kann mit fertigen Menschen nichts anfangen.
Ich könnte mir ein künftiges Jahrtausend denken, das unser Zeitalter der Technik anstaunte, wie wir die Antike bewundern, und Maschinen ausgrübe wie wir Statuen.
Ich lobe mir den Freund, der wachsen macht; vor trocknen Seelen nimm dich, Herz, in acht.
Ich mag die Verärgerten nicht leiden.
Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben, nach etwas Abfälligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.
Ich meine, es müßte einmal ein sehr großer Schmerz über die Menschen kommen, wenn sie erkennen, daß sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich hätten lieben können.
Ich möchte glücklich sein, um glücklich machen zu können. Kein Glück ohne Gast.
Ich möchte nicht leben, wenn Ich nicht lebte.
Ich möchte sagen, daß ich immer noch im und vom Sonnenschein meiner Kindheit lebe.
Ich sehe auf mich selbst zurück. Unzählige Gestalten huschen schemenhaft an mir vorüber.
Ich sehe überhaupt ein, daß es zunächst nichts als Lernen, Lernen und wieder Lernen gilt. Daraus ergibt sich alles Weitere von selbst.
Ich und du, einmal groß und einmal klein geschrieben – das ist die Weltformel. Ich und Du, und ich und du.
Ich verbrenne an meinem eigenen Maßstab.
Ich widerrufe alles Harte und Böse, was ich je in meinen Worten oder Briefen gesagt habe.
Ich würde nichts Schöneres kennen, als in Ewigkeit weiterlernen zu dürfen.
Ihr andern werdet sichrer immerdar. Ich werde fragender von Jahr zu Jahr.
Ihr wollt alle nur die Liebe zur Möglichkeit haben. Ich habe nur die Liebe zur Unmöglichkeit.
Ihr wollt meinen Platz wissen? Überall, wo gekämpft wird.
Im Allgemeinen: Der Jüngling schwört es und der Mann vergißt es. Der sagt: so soll es sein! und der: so ist es.
Im Anfang war – Mein Ziel.
Im Dank verschlingt sich alles Sein.
Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. (Er bildet sich’s bloß ein.)
Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die Erde. Der Mensch – ein Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.
Im Sohn will die Mutter Mann werden.
Immer bewußter sich konzentrieren lernen. Alles Flatternde und Flackernde in mir überwinden.
In allem pulsieren, An nichts sich verlieren.
In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.
In dem Moment, wo jeder bei sich anfinge, wäre die schönste Zukunft vorweggenommen.
In einem großen Geiste bricht jahrhundertelanges im Verborgenen schaffendes Keimen der Naturkräfte zur strahlenden Blüte auf.
In vielen Fällen wäre der gerade Weg der kürzeste – zum Verderben.
Inmitten unzähligem Hin- und Herreden der Einzelnen wächst still und groß das ewige Weisheitsgut der Menschen weiter.
Ja – nein: geistiges Strickziehen.
Ja, wer auf »man« sich gründen tut, der freilich baut auf Hauche.
Je ernster ein Kritiker seine Kritik nimmt, desto kritischer wird er seinen Ernst nehmen.
Jede gründliche Erfahrung muß mit eignem Leben bezahlt werden – und fremdem.
Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüberlebst.
Jede Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein ›Mitesser‹ im Zellengewebe des Denkers.
Jeden Tag seines Lebens eine feine, kleine Bemerkung einfangen – wäre schon genug für ein Leben.
Jeder Feind hat doppelt Quartier, eins bei sich und eins bei dir.
Jeder Jüngling mag von sich denken, er sei der Messias, aber er muß nicht Messias sagen, sondern nur Messias tun.
Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle fünfzig Jahre – vielleicht – Einer.
Jeder Mensch ist ein neuer Versuch der Natur, über sich ins Reine zu kommen.
Jeder muß seinen Mann haben, der ihm über die Schulter sieht, und dieser wieder seinen und so fort. Das ist nur gut und billig; so allein kommt der Mensch vorwärts.
Jeder muß sich selbst austrinken wie einen Kelch.
Jeder von uns hat etwas Unbehauenes, Unerlöstes in sich, daran unaufhörlich zu arbeiten seine heimlichste Lebensaufgabe bleibt.
Katzen, diese Wesen, haben die unmenschliche Geduld der Erde; das ist ein Jahr, was für den Menschen nur eine Sekunde.
Kinder, Tiere, Pflanzen, da liegt die Welt noch im Ganzen.
Kritik, Kritik, nimmer genug Kritik, ein Spiegel sei mir noch das letzte Tor.
Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.
Lärchen, Birken, Erlen, ein fraulicher Wald!
L’art pour l’art, das heißt so viel: Wir haben nur noch Kraft zum Spiel.
Leben heißt tausend Umwege zum Tode machen.
Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas.
Leide an mir, so spricht selbst noch das Liebste zu uns.
Lesen-Können, – darauf läuft schließlich alles hinaus.
Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den Andern, in Wirklichkeit aber den eigenen Herrn verstümmelt.
Machen wir uns doch von der Tyrannei der Geschichte frei. Ich sage nicht: von der Geschichte, ich sage: von der Tyrannei der Geschichte.
Mag sein, wir stehn an unsres Lebens Ende noch unterm Ziel, – genug, der Weg ist klar!
Man hat Hegel verspottet, weil er sagte, aus ihm rede der Weltgeist. Ach, auch aus ihnen, den Spöttern, redet leider nichts anderes.
Man hat nie nur einen Grund zu einer Handlung, sondern hundert und tausend.
Man kann Nietzsche aus zehn Zeilen erkennen lernen und aus zehn Büchern – verkennen.
Man kann wohl sagen, daß das Geschlecht zwei Drittel aller möglichen Geistigkeit auffrißt.
Man könnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttröstungen Gottes.
Man muß aufhören können zu fragen, im Täglichen wie im Ewigen.
Man muß die Gegenwart von ihrer Wissenschaft reden hören, um zu wissen, was ein Parvenü ist.
Man muß Gott schon in Zwei teilen, wenn seine schönste Empfindung, die Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll.
Man muß nicht am Abend Briefe schreiben, sonst werden es Abendbriefe. Morgens sieht alles ganz anders aus.
Man müßte sein Ich nicht immer mit sich identifizieren, sondern wie eine Mutter ihr Kind behandeln.
Man sieht Nietzsche ins Auge und weiß, wo das Ziel der Menschheit liegt.
Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.
Man soll sich seiner Krankheiten schämen und freuen; denn sie sind nichts andres als ausgetragene Verschuldung.
Man sollte nie ohne Abschied voneinander gehen. Denn weiß man, ob man sich – als diese Persönlichkeiten – wieder begegnet?
Man versteht den Menschen erst – sub specie reincarnationis.
Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus öffentlich quittieren.
Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie möglich, um – größer als diese zu bleiben.
Mein einziges Gebet ist das um Vertiefung. Durch sie allein kann ich wieder zu Gott gelangen. Vertiefung! Vertiefung!
Mein Hauptorgan ist das Auge. Alles geht bei mir durch das Auge ein.
Mein Herz kommt mir heut vor wie ein Pfefferkuchenherz, das lange im Nassen gelegen hat.
Mein nächstes Buch soll ›Auferstehung‹ heißen, wenn mir noch eine Auferstehung beschieden sein sollte, im größten Sinne.
Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum.
Meine Harmonie ist nur Balance.
Meine Methode, ein Wort durch den Gestus zu finden.
Menschen, die im wesentlichen dieselbe Straße ziehen, sollen es nicht mit verkniffenen Mienen und heimlichen Rückhalten.
Mit allem Großen ist es wie mit dem Sturm. Der Schwache verflucht ihn mit jedem Atemzug, der Starke stellt sich mit Lust dahin, wo’s am heftigsten weht.
Mit jedem Worte wachsen wir.
Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich, als mit allem, was im Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts fällt.
Möchten sich doch alle darüber klar werden, daß wir außer Männchen und Weibchen auch noch Menschen sind.
Natürlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).
Neue Dichter seh ich kommen, nach innen den Blick gerichtet.
Nicht da ist man daheim, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.
Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.
Nichts ist für mich mehr Abbild der Welt und des Lebens als der Baum. Vor ihm würde ich täglich nachdenken, vor ihm und über ihn…
Nichts macht das Leben ärmer als vieles anfangen und nichts vollenden.
Niemand ist zu gut für diese Welt. Menschen, von denen dies gesagt wird, sind vielmehr in irgend einem Betrachte nicht gut genug.
Niemand war und ist mir eine empfindlichere Geißel als der richterlich geartete Mitmensch. Er ist für mich der personifizierte böse Blick.
Niemanden loslassen. Keine Beziehung fallen lassen!
Nietzsche, die große Antithese seiner Zeit.
Nimm dem Leben die harte Tragik, das tiefe Bewußtsein, daß alles vergänglich – du nimmst ihm die Schönheit.
Nirgends kann das Leben so roh wirken, wie konfrontiert mit edler Musik.
Noch haben wir viel, viel, viel umzuformen, auszustoßen, zu entwickeln. Noch fangen wir erst an, wenn auch auf gutem Grund.
Nur der Erkennende lebt.
Nur im Fluß bleiben, nur nicht zur Spinne eines Gedankens werden.
Nur in Versuchungen immer wieder fallend, erheben wir uns.
Nur wer den Menschen liebt, wird ihn verstehn, wer ihn verachtet, ihn nicht einmal – sehn.
Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde Flamme.
O Ihr, an so viel »letztem Wissen« Leidenden, wie seid ihr oft instinktlos im Entscheidenden!
O meine Hand, du seltsames Geschöpf, du warst mir immerdar ein Angelhaken der Meditation. Wenn ich in deine Schale blicke, meine ich ein Geistgebilde zu schauen.
O Mensch, das Geld ist nur Schimäre!
O tiefe Liebe, die mich zu allem beseelt.
O, Glück auszugießen über die Welt! Augen leuchten, Herzen erbeben machen!
Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft gehört.
Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem Kork der Sprache.
Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.
Reinkarnation – Dies ist das Tor, durch das ich eingetreten und alle Dinge wie verwandelt schaue.
Schlachtfelder sind wir allesamt, auf denen Götter sich bekriegen.
Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie finden.
Schönheit ist empfundener Rhythmus. Rhythmus der Wellen, durch die uns alles Außen vermittelt wird.
Schriftstellerei ist heute vielfach nicht wichtiger zu nehmen, als daß, sagen wir, heute jedermann Kakao trinken kann, während es früher nur die Reichen konnten.
Sei mit dir nie zufrieden, außer etwa episodisch, so daß deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu stärken.
Sich bewußt ausweiten. Von Gegensatz zu Gegensatz gehen. Vom Ersten bis zum Letzten und umgekehrt. Keinen und nichts vergessen, übersehen, gering achten.
Sich immer am Leben korrigieren.
Sieh dir ein gut beschicktes Trabrennen an. Und du wirst merken, worauf’s ankommt, auch bei dir.
Sieh her, mein Kind, und lerne diese Zweiheit: Den Hang zur Güte und den Drang zur Freiheit.
Skeptischer Schnörkel – Auf Erfolg reimt sich Volk; auf Volk reimt sich – nichts.
So ein Spinnentüchlein voll Regentropfen – wer macht das nach?
So klein der Winkel, so groß der Dünkel.
So schimmert ein Birkenwäldchen durch Kiefern, wie deine ferne Jugend in und durch meine Gedanken.
So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir schuldig bin.
Spannung ist alles und Entladung. Und höchste Lebensweisheit, seine Spannung immer richtig zu entladen.
Sprich du zu mir, mein höher Du! Ich will mich ganz in dich verhören.
Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e! Und statt hochachtungsvoll 2 o.
Suche allem nach Möglichkeit eine Folge zu geben.
Über all meinen Werken soll es wie ein großes Verstehen liegen – und davon werden viele glücklich werden.
Über den Wassern deiner Seele schwebt unaufhörlich ein dunkler Vogel: Unruhe.
Über etwas schreiben heißt, sich mit etwas überschreiben.
Über jedem Gedanken, jeder Vorstellung liegen hundert Gedanken und Vorstellungen, die uns das jeweils Gedachte, jeweils Vorgestellte verhüllt.
Überall dem Selbstverständlichen zum Wort verhelfen – das ist ein großes Geheimnis.
Überschätzt zu werden, zumal von einem Wesen, das einen liebt, kann in manchem einen edlen Eifer entzünden, jene geglaubte Höhe wirklich zu erreichen.
Übung ist alles, und insofern ist Genie Charakter.
Und dann: Alles für die Welt!
Und das Verhaßteste von allem wird einst geschehen: Man wird mir ›Milderungsgründe zubilligen‹. (›Er war ein guter Mensch, er wollte das Beste usw.‹)
Und Notwendigkeit ist auch nur Kleid.
Unser Begreifen ist Schaffen; seien wir doch selig in diesem Bewußtsein.
Unsere Kulturen sind noch vorwiegend egoistisch, darum ist auch so wenig Segen in ihnen.
Unsere Zukunft liegt nach wie vor im – Geiste. Seien wir Imperialisten des Geistes.
Vergangenheit wie Zukunft sind nur Formen der Gegenwart.
Versuchen wir uns doch einmal entschieden auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache.
Verzeiht, wenn manchen manches hart hier trifft, mein Pfeil soll treffen, doch er trägt kein Gift.
Vielen ist Reisen ein Ersatz für Leben. Es gibt oft nichts Schmerzlicheres, als solches zu erkennen.
Vom Fleißigen ist immer viel zu lernen, doch zu beseligen vermag nur Größe.
Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.
Von Hundert, die von ›Menge‹, von ›Herde‹ reden, gehören neunundneunzig selbst dazu.
Von mir: die Menschen sind ihm allein Köpfe Gottes.
Von sich zurückzutreten wie ein Maler von seinem Bilde – wer das vermöchte!
Vor einem Kirchhof: Die abgelegten Kleider Gottes.
Vor einer Menschenmenge: Ich sehe plötzlich die Gedanken dieses Volks wie eine dicke schwarze Wolke über ihm. Eine Wolke voll Tränen und Blitzen.
Vorsicht und Mißtrauen sind gute Dinge, nur sind auch ihnen gegenüber Vorsicht und Mißtrauen nötig.
Wage zu irren, in hundert Einzelheiten, was verschlägt’s! Weißt du dich nur im wesentlichen sicher.
Wahrhaftig, das Dreidimensionale kann noch nicht das Letzte sein. Es wäre ein zu grober Abschluß für ein so feines Kunstwerk wie die Welt.
Wahrheit ist eine Sache des Temperamentes, darum kann man Wahrheit nicht lehren, nur zeugen.
Wann wird dies sein? Wann wird das sein? – Wann wir es uns verdient haben werden.
Warum muß ich so unaufhörlich unter mir und anderen leiden! Meine Seele ist fortwährend das Spiel über sie hinziehender Schatten.
Was braucht ein Volk für Gönner? Wahrheit-sagen-Könner.
Was du andern zufügst, das fügst du dir zu.
Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.
Was ich heute tue, tue ich nicht um meinetwillen, sondern um meiner Liebe zum Menschen willen.
Was ist das Erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtspostkarten.
Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders als ein – Helfen! Als wunderreichste, geheimnisvollste Hilfe!
Was ist der Mensch, daß er nicht alles hingeben sollte – um des Menschen willen!
Was ist der Mensch? Die Tragödie Gottes.
Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und höher entwickeln wollen.
Was mir ›Patriotismus‹ ist? Ein Gefühl, das zehn andre frißt.
Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie läßt sich Gott gefallen. In der Blume, als Blume träumt er seinen schönsten Traum, da widerstrebt ihm nichts.
Was wäre wohl aus der Welt geworden, wenn alle zum Mitschaffen Aufgerufenen immer gleich ›schnurstracks‹ auf ihr Ziel losgegangen wären.
Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen können, das ist, meine ich, vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu äußern.
Weh dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.
Wehe und Wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt.
Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja – diese Worte selbst.
Wenn das Individuum – wie Hebbel sagt – letzten Endes komisch ist – und es ist komisch –, so ist die Tragödie die höchste Form der Komödie.
Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient, selbst töten müßte, würde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene steigen.
Wenn dich die Menschen nicht absichtlich verwunden, so tun sie’s gewiß aus Ungeschicklichkeit.
Wenn dich jemand ›vollkommen versteht‹, sei gewiß, daß dich niemand vollkommener mißversteht.
Wenn du ein Geldstück von Wert bist, so briefwechsle dich nicht zu oft.
Wenn ich das Gegenwärtige nicht so liebte, wenn ich diese Liebe nicht hätte wie einen großen und sicheren Fallschirm, ich wäre längst ins Bodenlose gefallen.
Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: ›Und er entwich vor ihnen in die Wüste.
Wenn ich heute stürbe, glaube ich, alt genug geworden zu sein. Ich bin dann wenigstens alt genug geworden, um sterben zu können.
Wenn ich so die kleinen Dampfer die riesigen Kähne vorüberschleppen sehe, muß ich immer an den Dichter und das Publikum denken.
Wenn man zum Leben ja sagt und das Leben selber sagt zu einem nein, so muß man auch zu diesem Nein ja sagen.
Wer am Menschen nicht scheitern will, trage den unerschütterlichen Entschluß des Durch-ihn-lernen-Wollens wie einen Schild vor sich her.
Wer das feine zweite Ohr für den Souffleur hat, sieht die Geschichte der Menschheit anders an.
Wer die Welt nicht von Kind auf gewohnt wäre, müßte über ihr den Verstand verlieren. Das Wunder eines einzigen Baumes würde genügen, ihn zu vernichten.
Wer die Welt zu sehr liebt, kommt nicht dazu, über sie nachzudenken; wer sie zu wenig liebt, kann nicht gründlich genug über sie denken.
Wer Dinge verspottet, an die ein guter Geschmack längst nicht mehr rührt, wird selbst Gegenstand des Spottes, ja der Verachtung.
Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiter zu wandeln.
Wer konversiert, der spricht nicht.
Wer nicht auch böse sein kann – kann der wirklich tief sein?
Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch den Menschen nie vorschreiben dürfen. Man kann dem Wesen der Macht nichts abmarkten.
Wer sich groß verfehlt, der hat auch große Quellen der Reinigung in sich.
Wer sich nicht selbst verspotten kann, der ist fürwahr kein ernster Mann.
Wer sich selbst auch nur Einen geistig regen Vormittag streng beobachtet, dem muß das scheinbare Filigran der Psychologie vorkommen, wie ein Gespinst aus Baumstämmen.
Wer sich selbst treu bleiben will, kann nicht immer anderen treu bleiben.
Wer sich überhebt, verrät, daß er noch nicht genug nachgedacht hat.
Wer tief ist, muß sich schämen, sich so zu zeigen.
Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Grüblers die Melancholie.
Wie ist jede – aber auch jede – Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird.
Wie könnten wir die große Selbstkorrektur des Lebens anders als ahnungsvoll verfolgen?
Wie macht das Gefühl bloßen Sichnaheseins Liebende schon glücklich.
Wie mancher Gedanke fällt um wie ein Leichnam, wenn er mit dem Leben konfrontiert wird.
Wie mancher geht an Grübelnsqual zugrunde, weil er gehangen an zu vielem Munde.
Wie nahe Furcht und Mut zusammenwohnen, das weiß vielleicht am Besten, wer sich dem Feind entgegenwirft.
Wie sollte man wohl leben, wenn man nicht fortwährend bei sich wie bei den andern hunderterlei Krumm gerade sein ließe.
Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der ›Verpflichtungen‹. Sie macht unsere Stärke und unsere Schwäche.
Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines Wassertropfens, aber vor dem Menschen haben wir immer noch keine Ehrfurcht.
Wir sind geborene Polizisten. Was ist Klatsch andres als Unterhaltung von Polizisten ohne Exekutivgewalt.
Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren.
Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus, in Wirklichkeit unsere Temperamente.
Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums.
Wir wollen uns nie so ganz zu besitzen glauben, daß wir uns nicht noch nach einander sehnen müßten.
Wohin können wir denn sterben, wenn nicht in immer höheres, größeres – Leben hinein!
Wozu, so fragt man sich, Reich, Wohlstand, Macht, wenn alles das die Menschen nur verflacht.
Zitate sind Eis für jede Stimmung.
Zu Fürsten: Zeige mir, wie Du baust, und ich sage Dir, wer Du bist.
Zuhause ist da, wo man dich wieder aufnimmt, auch wenn du mal etwas falsch gemacht hast.
Zukunft! – un-er-schöpfliches Wort! O Lust zu leben! O Lust, zu – – sterben!
Zum Thema Egoismus: Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns selbst, nie das andere selbst.